In der Vergangenheit, als unmittelbare Folge des Montreal Screwjobs und damit dem offiziellen Tod der Phantasiewelt des Wrestlings genannt "Kayfabe", hieß die Antwort: Skandal- und Schockwrestling. Die damals wie heute glorifizierte Attitude Era hatte begonnen.
Wrestling ist jedoch (und war schon immer) zyklisch. Auf eine Phase der Erhitzung muss eine Phase der Abkühlung folgen, oder das desensibilisierte Publikum stumpft völlig ab. Die Attitude Era könnte den Bogen so sehr überspannt haben, das für lange, lange Zeit Wrestling geradezu handzahm sein muss. Und das waren die letzten Jahre. CM Punk mag die Reality Era ausgerufen haben, doch von wenigen Momenten (wie der ursprünglichen WWE-Pipebomb) abgesehen blieb alles beim Alten. Selbst Punk selber wollte man die Realität flugs nicht mehr abkaufen, wenn er beispielsweise gegen Jerichos Beschuldigungen des Alkoholkonsums zu Felde zog.
2013 fing mehr als mau an. Überraschungsfreie Stories und Titelwechsel (Rock nimmt Punk den Titel ab, um ihn Cena auf die Schulter legen zu können ... das war so vorhersehbar wie der "Ring Rust" von Rock), uninspirierte Cards und insgesamt durchwachsene PPVs. Ich für meinen Teil hatte ein wenig die Hoffnung, dass nach dem Abgang von Rock nach Wrestlemania das zwischenzeitlich aufgenommene Tempo wieder aufgenommen würde. Doch Extreme Rules war Kind des selben Geistes. Zeit, das Programm zu wechseln?
Enter: Payback. Die letzte PPV war schon auf dem Papier sehenswerter: ein Divenkampf mit Plot und Story und Charakterentwicklung; ein vielleicht, vielleicht aber auch nicht zurückkehrender Punk; Orton und Bryan in einem zerbrechlichen Team, in dem jeder von beiden von jetzt auf gleich zum Heel werden könnte; ein angeschlagener Champion Ziggler verteidigt endlich, endlich seinen Titel ... ich hab mich drauf gefreut.
Und insgesamt war ich zufrieden. Kaitlyn und AJ haben meine ohnehin hochgesteckten Erwartungen weit übertroffen, und boten nicht nur einen sehr guten Divenkampf (was ja in der WWE nicht viel bedeutet), sondern eines der besten Matches des Abends. Der Triple Threat um das Intercontinental Championship war ein großer Spaß, wer hätte das gedacht? Punk und Jericho, in Ermangelung einer wirklichen Story, erzählten (klassisch!) ihre Geschichte einzig im Ring (und dass der Kampf langsam begonn, lag am gespielten (?!) "Ring Rust" von Rückkehrer Punk), und selbst Cena versus Ryback war keine völlige Schlaftablette.
Aber Überraschungen blieben weitestgehend aus. Meine Tipps waren gut, und nur bei Ziggler versus Del Rio lag ich daneben, denn wer hätte schon mit einem "Double Turn" (Del Rio von Face zu Heel, und Ziggler umgekehrt) rechnen können? Das gab es das letzte Mal 1997 bei Stone Cold Steve Austin und Bret Hart. Der Rest? Punk kam und kämpfte, das ist der naheliegende Ausgang. Orton und Bryan haben sich nicht gewandelt. CENAWINSLOL. Und so weiter, und so fort.
Doch diese zaghaften Versuch, endlich manches anders und damit vieles besser zu machen, kamen erst einen Tag später richtig zur Geltung. Bei RAW trat Mark Henry oskarreif zurück, um dann doch lieber Cena zu vermöbeln und sich baldmöglichst den Titel zu holen; der Kampf Orton versus Bryan wurde wegen (realer?) Verletzung Bryans abgebrochen. Kurz und gut, die WWE trollt ihre Fans, wie der Masked Man auf Grantland so treffend beschreibt, und das sei auch gut so:
We're angry, confused, and frustrated. We're emotionally spent. It's exactly how wrestling should be.Alles wird gut? Warten wir's ab. Ich für meinen Teil bin momentan mal wieder froh, dem Geschehen in der WWE beizuwohnen. Und das ist ja schon mal was.
(Nebenbei: Punk versus Lesnar ist so ziemlich der einzige Kampf des Teilzeitwrestlers Lesnar, den ich tatsächlich sehen mag.)

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