Samstag, 16. Juli 2011

Antiker Punk

Es wurde bereits angedeutet, aber eine Vertiefung tut Not: Die Story um CM Punk und sein Weggang aus der WWE ist wie ein antikes griechisches Drama aufgebaut.

Dass ich CM Punk, John Cena und Vince McMahon im ersten Beitrag Protagonist, Deuteragonist und Tritagonist genannt habe, war mehr als nur vages Behaupten. Schauen wir uns zunächst diese drei Rollen des griechischen Dramas genauer an, bevor wir dann die deutliche Übereinstimmung mit den drei Wrestling-Charakteren feststellen.


Hauptfiguren des antiken Griechischen Dramas
  • Protagonist[1]: Nicht zwangsläufig die Hauptfigur (auch wenn es umgangssprachlich häufig so verwendet wird). Wichtig ist, dass das Publipum Empathie für die Ziele und Emotionen dieser Figur entwickelt. Ob der Protagonist prinzipiell eher "gut" oder "böse" ist, spielt keine Rolle.
  • Deuteragonist[2]: Er ist mal mit, mal gegen den Protagonisten, abhängig von seinen eigenen Zielen.
  • Tritagonist[3]: Der Verursacher der Misere des Protagonisten, die unsympathischste Figur, und der Hauptgrund, warum das Publikum Sympathie für den Protagonisten empfindet.


Hauptfiguren der Punk-Story
  • CM Punk als Protagonist: In Wrestling-Logist ist Punk der "Böse", ein Heel. Das wäre kein Hinderungsgrund, Punk als Protagonisten zu sehen, nur leider sind Heels in erster Linie eines: unsympathisch. Punk jedoch hat einen Nerv beim Publikum getroffen - seine Kritik ist die unsere, er spricht unsere Unzufriedenheit mit der WWE aus. Und er, nicht der "Gute", das Face Cena, ist der Handelnde, auf dem der Fokus liegt.
  • John Cena als Deuteragonist: Er ist Punks Gegner im anstehenden Titelkampf. Gleichzeitig zollt er in schöner Regelmäßigkeit Respekt für Punks Wrestlingfähigkeiten. Und nicht nur das: als Punk suspendiert wurde, war es Cena, der den WWE-Chef McMahon dazu brachte, Punk wieder zu "un-suspendieren" und den Titelkampf wieder anzusetzen. Doch er ist nicht gänzlich auf Punks Seite, versteht sich, und im Zweifel lässt er, laut Punk der "Arschkriecher", sich von Punk aus der Fassung bringen. 
  • Vince McMahon als Tritagonist: Sein Charakter ist Kulminationspunkt von Punks Kritik an der WWE. Er ist es, der die Qualität der WWE herunter zieht, sei es durch seine Forcierung von "kinderfreundlichen" Inhalten, sei es durch die Kultivierung einer Gesellschaft der "Ja-Sager" und "Arschkriecher". Ohne ihn könnte Punk nicht zum Sympathieträger werden.

Ergo
Wrestling übernimmt gerne klassische Strukturen des Geschichtenerzählens, doch normalerweise sind die Strukturen einfacher, und die Grenzen klarer gezogen. Zwar gab es die sogenannte "Attitude Era" in der WWE, in der die Schurken zu Anti-Helden wurden, doch diese Zeit ist erstens vorbei, und zweitens waren auch dann die Strukturen meist einfacher.

Stone Cold Steve Austin
Die "Attitude Era" hat sich entwickelt, als die Fans anfingen, bestimmte Heels, allen voran Stone Cold Steve Austin, anzufeuern. Das war nicht geplant, aber als es offensichtlich wurde, tat die WWE ihr Bestes, diese Situation auszubauen.

Ebenso hat sich Punks Beliebtheit mit der Zeit nur gesteigert, obwohl er kontinuierlich als Heel auftrat. Die WWE scheint erkannt zu haben, was sie an Punk hat, denn der momentane Plot ist, so glaubwürdig er auch vorgetragen wird, abgesprochen (diese antike Dramenstruktur ist einer der Anhaltspunkte). Möglicherweise erleben wir gerade den Beginn einer neuen "Attitude Era".

Oder ist Punks Weggehen tatsächlich schon gemachte Sache? Gutes, modernes Wrestling verwischt die Grenzen zwischen gespielter Wrestling-Welt und der Realität. Das ist spannend. Die oben angegebene Struktur hilft uns nicht, den Ausgang der Geschichte vorher zu sagen. Und das ist auch gut so.

PS: Wer öfters auf Reddit unterwegs ist, darf auch dort gerne mit diskutieren.

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