Dienstag, 26. August 2014

Demontage im Main Event: Retrospektive und Ausblick

Nun, da wir SummerSlam mit gebührendem Abstand verdaut haben, können wir über das Main Event John Cena versus Brock Lesnar sprechen.

Wer mich ein wenig kennt, weiß, dass ich für Teilzeitwrestler wenig übrig habe. Leute, die nur sporadisch am Start sind, wären besser in der flüchtigen Welt des Mixed Martial Arts aufgehoben; im Wrestling, wo es eben nicht nur auf die Matches ankommt, sondern auch das Davor und das Danach, sind Gaststars zumindest fürs aufmerksame Publikum (im Gegensatz zu jenen Ab-und-An-Zuschauenden, die gerade für jene großen Namen wieder einschalten – Teilzeitwrestler fürs Teilzeitpublikum sozusagen) in vielen Fällen nerviges Beiwerk, Main Event hin oder her (siehe: The Rock).

Auch von Lesnar bin ich nicht unbedingt Fan. Grober Stil, grober Typ. Ein Relikt aus zumindest teilweise überkommenen Tagen, wenn jene Leute, die ich spannend finde (Punk, Bryan, Ambrose, Cesaro), aus einem gänzlich anderen Holz geschnitzt sind (mehr biegsame Weiden statt spröde Eichen).

Bis dahin war SummerSlam eine tadellose Großveranstaltung. Und damit war, mit Verlaub, nicht zu rechnen.
Ambrose versus Rollins war ein spannendes Lumberjack-Match, man stelle sich das vor! Orton versus Reigns war trotz des einseitigen Reigns besser als zu befürchten war (danke, Orton!). Swagger versus Rusev war zwar kein Flag Match wie angekündigt (und nein, ein Flag Match bedeutet nicht, dass anschließend die Landesfahne des Siegers von der Decke hängt), aber eine buchstäbliche Wrestling-Klinik (danke, Rusev!). Beide Diven-Matches waren sehenswert (danke, Steph!).

Doch dann: das Main Event von SummerSlam 2014. Und damit auch: Spoiler voraus.

Angebliche 16 Suplexe lang malträtiert Lesnar den Champion Cena. Für dessen spärliche Offensive hat Lesner nur Hohn und Spott übrig. Und dann ist dieses denkbar einseitige Match auf einmal vorbei; Brock Lesnar ist neuer WWE Heavyweight Champion.

Vor Kurzem meinte ein Wrestling-affiner Freund, dass er wohl eine Auszeit vom Wrestling bräuchte. Fair enough, so ist es halt. Ein Grund sei, dass sich im Wrestling alles wiederholen würde. Korrekt, denn insofern hat Wrestling mit dem "wahren Leben" etwas gemein. Und das Main Event von SummerSlam wäre langweilig gewesen. Das ist für sich alleine genommen nicht falsch, passt aber nicht zu der anderen Aussage.

Um es in aller Deutlichkeit zu sagen: ein Match wie Cena versus Lesnar bei SummerSlam hat es noch nie gegeben. Und das ist einer von drei Gründen, warum es großartig war.

1. Die Singularität

Der Typ, der den Streak des Undertakers beendet hat, vernichtet den WWE Champion in einem Squash-Match. Das wäre, ungeachtet des Champions, eigentlich nicht denkbar, aber wenn es sich beim Champion um den unbesiegbaren Super-Wrestler und Kinderliebling John Cena handelt, ist diese einseitige Zurschaustellung der Überlegenheit einer Seite eine Ereignis geradzu epischen Ausmaßes.

Der Champ kann verlieren. Allem "LOLCENAWINS" zum Trotz kann es vorkommen. Doch allein schon saubere Siege sind denkbar selten. Mir fällt auf Anhieb nur SummerSlam 2013 ein, Cena versus Bryan. Selbst das war eine mittlere Sensation: der "kleine" Bryan besiegt den "großen" Cena sauber durch Pinfall, ohne Einmischung oder sonstiges.

Was wir nun gesehen haben, war weitaus derber.

Und ja, es ist durchaus möglich, dass wir bei Night of Champions ein vergleichbares Match präsentiert bekommen. Doch dieses Match bleibt ein besonderes Ereignis. Nun wissen wir ja, was passiert, wenn Lesnar auf Cena losgelassen wird, ein weiterer Squash würde nicht mehr schocken. (Ein Arbeitssieg von Cena hingegen wäre ... nein, besser nicht drüber nachdenken.)

Einzige mögliche Steigerung: Lesnar bringt Cena zum Aufgeben ...

2. Die Möglichkeiten

Hätte Cena gewonnen, wäre es Business as Usual. Doch Lesnar ist, nach monumentalen (weil Geschichte machenden) Siegen gegen Undertaker und Cena, ein veritables Monster, das endlich tatsächlich manifestierte "Beast".
Wohin auch immer die Reise nun geht, es gibt deutlich mehr (spannende) Optionen, als wenn der "gute, alte" Cena gewonnen hätte. Eine Rückkehr von Ex-Champ Daniel Bryan beispielsweise.
Nur eine Option fällt flach: Cena gewinnt den Rückkampf. Denn damit wäre nichts gewonnen, im Gegenteil.

3. Das Match an sich

Ich war die einzige Person im Raum, die Spaß am Match hatte. "Das kann meinetwegen noch eine halbe Stunde so weiter gehen", meinte ich nach dem ersten halben Dutzend Suplexes. Ich wollte Cena verlieren sehen; ein Sieg für Cena wäre (Umkehrschluss der beiden vorangestellten Gründen) das Gleiche wie immer und eine Sackgasse.
Doch daran geglaubt hatte ich bis zum abrupten Ende nicht. Jeden Moment wird Cena sein unvermeidliches Attitude Adjustment auspacken und noch unvermeidlicher den Pin-Sieg davon tragen. Oder, noch schlimmer, Cena setzt den unüberzeugendsten Submission-Move der Welt an, den STF, und Lesnar tappt.
Alleine durch diese Erwartungshaltung baute sich enorme Spannung auf. Es ist von niemandem zu verlangen, Suplex nach Suplex nach Suplex für ein grandioses Match zu halten, doch für ein Wrestling-Match hatte es alles, was man erwarten kann, bis auf waghalsige Spots. Und am Ende gab es einen eindeutigen Sieger, ohne Hilfe von Außerhalb, heimlichen Waffeneinsatz oder ähnliches Gedöns.

Wrestlemania 30 war alles in allem immer noch die bessere Veranstaltung, aber SummerSlam ist, solide Card und im Wortsinn phänomenales Main Event, ganz weit vorne. Und das, obwohl die WWE durch den Weggang von CM Punk und der Verletzung von Daniel Bryan nach wie vor im Ausnahmezustand ist. Und was für eine Ausnahme!

Suplex, Repeat. Suplex, Repeat. Suplex, Repeat. ... so wird Geschichte gemacht. Das muss einem nicht gefallen, aber zumindest eine Kritik ist hier unangebracht: die des ewig Gleichen und ständigen Recyclings.

Ich würde gerne "Mehr davon!" fordern, aber das liegt in der Natur der Sache: so etwas sieht man nicht oft.

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